Text Deimer - Schweinswale

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Schweinswale


Kleiner Wal in großer Not
Schweinswale in der Ostsee vom Aussterben bedroht
Petra Deimer

„Pfff“ macht es plötzlich neben der Bordwand, wenn man Glück hat und Wind und Wetter mitspielen. Pfff, das kann auf der Ostsee nur der Blas von einem Schweinswal sein, sein unter hohem Druck ausgestoßener Atem. Dann taucht genauso unvermittelt ein kleines dunkles Dreieck auf, das im nächsten Augenblick wieder verschwindet, die Rückenfinne. Ein, zwei, dreimal, schon ist der Zauber vorbei, und der mit rund 1,60m sehr kleine, schwarz-weiße Wal mit der stupfen Schnauze abgetaucht. Nicht einmal seine Schwanzflosse oder „Fluke“, das Markenzeichen der über 85 Walarten lässt so ein Kleiner Tümmler blicken.

Die traurige Nachricht ist, dass der einzige in der Ostsee heimische Wal vom Aussterben bedroht ist. Östlich der Darsser Schwelle leben nur noch knapp 600 der possierlichen Meeressäuger. Die letzte „Volkszählung“ im Jahr 1995 ergab eine Hochrechnung von 599 Tieren. Artenschützer befürchten, dass es womöglich in der Zentralen und Östlichen Ostsee nur noch etwa 100 der Kleinen Tümmler gibt. Genauere Angaben können Wissenschaftler vielleicht bald machen, wenn die Ergebnisse von SCANS (Small Cetaceans Abundance in the North Sea and Adjacent Waters), einer weiteren Zählung von 2005 in Nord- und Ostsee ausgewertet worden sind. In jedem Fall aber muss man befürchten, dass der Ostsee-Schweinswal in wenigen Jahren ausgerottet sein wird. Etwas besser geht es ihm in der Westlichen Ostsee und im Kattegat, wo die Bestände auf jeweils ein paar Hundert, bzw. wenige Tausend hochgerechnet worden sind.

Obwohl national und international geschützt, sterben weiterhin Jahr für Jahr viel zu viele Schweinswale eines unnatürlichen Todes. Sie sterben besonders in der Fischerei. Die agilen Tiere können die modernen Netze aus dünnem Kunststoffgarn weder sehen, noch mit ihrem Echolot peilen. Sie verheddern sich darin und ersticken elendig. Es sterben mehr Tiere, als geboren werden.

Anders, als im vorigen Jahrhundert, hat die Fischerei heute kein Interesse an den Walen, schadet ihnen aber unbeabsichtigt. Auch in der Nordsee sterben alljährlich mindestens 10 000 Schweinswale im sogenannten Beifang. Es sterben auch hier mehr Kleine Tümmler, als der Bestand auf Dauer verkraften kann. Für den Ostsee-Bestand haben Wissenschaftler hochgerechnet, dass schon zwei Beifänge pro Jahr zu viel sind. Wir wissen aber von mindestens sieben.

Um dem kleinen Wal in großer Not zu helfen, wurde im Rahmen des „Kleinwale-Abkommen“ (ASCOBANS = Agreement on the Conservation of Small Cetaceans of the Baltic and North Seas) unter dem Dach der Vereinten Nationen mit Sitz in Bonn, ein Rettungsplan für den Ostsee-Schweinswal erarbeitet. Der nach seinem Entstehungsort in Polen benannte „Jastarnia Plan“ rät zur Umrüstung von gefährlichen auf harmlosere Fischfangtechniken: Von Stellnetzen (besonders auf Dorsch und Plattfische) auf Fischreusen und von Treibnetzen (besonders auf Dorsch und Lachs) auf Langleinen. Während Biologen, Fischereiwissenschaftler und Naturschützer hierin eine vielversprechende Lösung sehen, sträuben sich einige Fischer vehement dagegen. Polen hat sogar kürzlich versucht, das im Rahmen der EU-Fischereinovellierung für 2008 beschlossene Treibnetzverbot für die Ostsee wieder auszuhebeln. Zum Glück ohne Erfolg.

Es wird von allen möglichen Seiten versucht, den Jastarnia Plan unter fadenscheinigen Argumenten wieder zu kippen. So behaupten manche skandinavischen Fischer, dass in ihren Fanggebieten ohnehin keine Schweinswale mehr lebten. Folglich bräuchte man auch keine Maßnahmen zu ihrer Rettung. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass auch Dorsch, Hering und andere Fische eine Schonzeit schon lange bitter nötig hätten... Von der Tatsache, dass Treibnetze seit 1992 international verboten sind, ausgerechnet für die Ostsee jedoch bis 2008 eine Ausnahme gilt, an dieser Stelle ganz zu schweigen....

Historische Dokumente belegen, dass Schweinswale, einst auch als „Braunfische“ lukullisch geschätzt, früher in der gesamten Ostsee lebten. Heute werden sie fast nur noch aus dem süd-westlichen Teil, vor den Küsten Dänemarks, Deutschlands und teilweise vor Schweden und Finnland gemeldet. Schon in polnischen Gewässern sieht es, anders als noch kürzlich vermutet, trübe aus. Eine etwaige Grenze für ihre Verbreitung liegt in Höhe der Insel Bornholm, wie auch Zählfahrten mit dem Forschungssegler „Song of the Whale des Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW) 2001 und 2002 zwischen Kiel und polnischen Gewässern vermuten lassen.

Nun kann ein Rettungsplan natürlich nur funktionieren, wenn dem Wal in der Ostsee keine tödlichen Fallen mehr gestellt werden, und er eine Chance bekommt, seine angestammte Heimat wieder zu erobern. Das ist die gesamte Ostsee.

Die GSM-Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere ruft seit 2002 Wassersportler und andere Seefahrer auf, Schweinswal-Sichtungen zu melden. Die Sichtungen werden in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) und dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Seekarten übertragen und bei ASCOBANS durch das Bundesumweltministerium (BMU) veröffentlicht. Ideal sind Sichtungen mit möglichst detaillierten Angaben, wie GPS-Daten, wie viele Tiere gesichtet wurden und wie nah am Boot oder Schiff die Wale waren, bzw. was für eine Windstärke herrschte...

Während Landratten sich meistens nur wundern, haben Segler Schweinswale schon oft gesehen. Und weil jedes Lebenszeichen in der Ostsee für das Überleben der liebenswerten Meeressäugetiere wichtig ist, geht die Aktion auch im nächsten Jahr weiter, alles über vorläufige Ergebnisse und z.B. Meldebögen unter: www.gsm-ev.de

Solche Angaben erfüllen zum einen die Forderung des Jastarnia Plans nach Öffentlichkeitsarbeit und können zum anderen helfen, vor industrielle Nutzungen, wie Sand- und Kiesabbauvorhaben eine Umweltverträglichkeitsprüfung zu schalten. Sie helfen, den Rettungsplan für den Ostsee-Schweinswal zu verteidigen, den manche Politiker und Fischer gern entkräften würden. Das Motto: Wo keine Wale sind, brauchen sie keinen Schutz.

Die Daten helfen weiterhin mit, zu entscheiden, wo die EU im Rahmen von „Natura 2000“ ( www.habitatmarenatura2000.de ) Schweinswal-Schutzgebiete ausweist, wie in Deutschland in der Nordsee vor Sylt/Amrum oder in der Ostsee bei Fehmarn und im Bereich der Oderbank. Die EU-Länder sind durch die „Habitat Richtlinie“ verpflichtet, Schutzgebiete (Flora Fauna Habitat-Gebiete) auszuweisen. Übrigens bedeuten Schutzgebiete auf keinen Fall, dass sie z.B. für Segler oder andere naturverträgliche Nutzung gesperrt werden würden.

Mehr zum zoologischen Stichwort: Phocoena phocoena lebt in kleinen Gruppen von fünf bis 10 Tieren und versammelt sich mitunter zu größeren Trupps; kann auf der Jagd nach Fischen 22 Kilometer pro Stunde erreichen; die Weibchen bringen nach einer Tragzeit von knapp einem Jahr ein Kalb zur Welt, das sie etwa ein Jahr lang mit der sehr fettreichen Muttermilch säugen. Sehr viel ist der Wissenschaft noch unbekannt


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