Chronik 41 - Schweinswale

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Chronik 41


CHRONIK XIV Beobachtungen und Meldungen 2017

Freitag den 24. November 2017  Herman Reichenbach weist auf folgenden Artikel im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hin  24. November 2017


Jugendliche Vaquita (Phocoena sinus) Teilausschnitt eines Photos von Paula A. Olson. Aus Whalewatcher  2010 Vol. 39 Number 1 “Porpoises in Peril The Vaquita and its Relatives” S. 13

Hintergrund: Nach Auswertung akustischer Daten von 2011 bis 2016 haben von ehemals  über 4000 Vaquitas ( Phocoena sinus  Norris & McFarland, 1958) im oberen Golf von Californien   nur noch etwa 30 Individuen überlebt. Das Hauptproblem für den kleinsten aller Schweinswale ist, wie für andere Schweinswale und Delphine auch,  der unbeabsichtigte Beifang in Stellnetzen.


An 46 Lokalisationen im Schutzgebiet wurde die Anzahl von Klicks pro Tag gemessen und nach einer Formel  daraus die Häufigkeit  von Californischen Schweinswalen in der Region berechnet. (CIRVA 8)


Angesichts dieser Entwicklung hat die 8. CIRVA Konferenz vom 29. Bis 30. November 2016 in La Jolla California/US beschlossen, als ultima ratio folgende   Maßnahmen durchzuführen:

     1. Entfernung sämtlicher Netze aus dem Schutzgebiet (SEA SHEPHERD Operation Milagro IV)

     2. Finanzielle Entschädigung der Fischer ( Fischereifond der mexikanischen Regierung)

     3. Suche, Fang, Hälterung und Zucht ex situ der verbliebenen Vaquitas in  Gehegen (s. o.)

     4. Fortsetzung der optischen und akustischen Surveys, Sicherung von DNA  (CRP)

Vier Vaquitas als ungewollter Beifang der Stellnetz – Fischerei im Vordergrund ein  Jungtier     ( Photo A. Robles) . Aus D‘ Argosa et al. 1995 in BIOLOGY OF THE PHOCOENIDS  S 282

Bisher gibt es keine  Erfahrungswerte, wie man die scheue, sicher auch stressanfällige Vaquita ohne  psychische oder physische Verletzung  fangen kann, und  welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um sie längere Zeit in Gefangenschaft zu halten, ganz abgesehen von der minimalen Erfolgswahrscheinlichkeit eines „ex situ“ Zuchtprogramms.  Bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein galt auch die Haltung von Schweinswalen   (Phocoena phocoena Linnaeus, 1758) als problematisch. Die Maßnahmen sind jetzt im Golf von Californien angelaufen mit einem niederschmetternden Resultat: bei der Aktion kam eine adulte, weibliche Vaquita trotz  eingeleiteter Reanimation ums Leben, und ein panisches Jungtier musste sofort nach der Fangaktion wieder freigelassen werden. So scheinen die geplanten Maßnahmen, sich in das Gegenteil zu verkehren, und den Restbestand der Vaquita  zusätzlich zu gefährden. Auf den  Einsatz von militärisch trainierten Großen Tümmlern (Tursiops truncatus  Montagu, 1821) bei der Suche und  beim Fang der Californischen Schweinswale hat man bisher verzichtet. Ein ausführlicher Bericht über die Vaquita ist in Vorbereitung.


Dienstag 21. November im OIC: Schweinswalkonferenz „Freiwillige Vereinbarung zum Schutz von Schweinswalen und tauchenden Meeresenten“



Moderiert wurde die gut besuchte Veranstaltung durch den Minister Herrn Dr. Robert Habeck. Neben den Ausführungen von Frau Prof. Siebert (ITAW TiHo Hannover) zur Gesundheit und den Todesursachen sowie dem Bestand der Schweinswale in der westlichen Ostsee stand die Wirksamkeit der freiwilligen Vereinbarung für den Schutz des Schweinswals im Focus der Diskussion , ebenso wie das  neu eingeführte Schweinswalwarngerät  PAL. Die Datenlage erlaubt  bisher noch keine abschließende Bewertung, daher sind weitere wissenschaftliche Untersuchungen zur Klärung einiger  noch offener Fragen erforderlich. Zusätzlich war mit Henning von Northeim ein Vertreter des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) angereist, um über den Schweinswalschutz aus Sicht der Bundesbehörde zu referieren.
                                                                                                                                                   

Sonnabend den 18. November 2017 shz Schleibote Seite 12 Seehund am Strand im Hafen von Olpenitz

Vermutlich der gleiche jugendliche Seehund, der bereits an verschiedenen Küstenabschnitten seit Juli 2017 beobachtet wurde. (s. auch Chronik XI und XII )



Samstag den 18. November 2017 Alzheimer bei Delphinen?


Amyloid ist eine extrazelluläre, fibröse Eiweißsubstanz, die sich in verschiedenen Geweben und Organen ablagert mit hoher Morbidität und Mortalität. Verschiedene Erkrankungen wie die Amyloidose z.B. der Leber oder Niere, Typ - 2- Diabetes mellitus, Alzheimer u. a. sind ursächlich darauf zurückzuführen. Im Nagetiermodell führt die Amyloid-Degeneration nicht unbedingt zum Verlust von Nervenzellen, aber Aspekte der Alzheimer Erkrankung finden sich auch bei einigen Arten in freier Wildbahn. Nach bisher vorliegenden Erkenntnissen tritt das Vollbild der  Erkrankung nur beim Menschen auf. Die Arbeit zeigt, dass die Insulin Resistenz vom Typ - 2 – Diabetes mellitus  sowohl  das Lebensalter steigert als auch das Risiko, an einer Demenz vom Typ Alzheimer zu erkranken. Dies erlaubt die Vorhersage, dass andere Tiere mit einer ähnlich langen postreproduktiven Lebensphase ebenfalls daran erkranken können. Die Autoren untersuchen dies an einigen langlebende Cetacea und fanden Hinweise für Amyloid – Plaques sowie Verklebungen von Nervenfasern bei gestrandeten Delphinen. Dies ist der erste Nachweis einer derartigen Erkrankung bei Tieren in freier Wildbahn. An langlebenden domestizierten Tieren wie Katzen möchte man das Modell weiter untersuchen.


Die nachfolgende Tabelle aus der zitierten Arbeit auf Seite 4 zeigt wie ähnlich lang die postreproduktive Lebensphase  von Schwertwal und Mensch ist.

A
Histologische Schnitte aus verschiedenen Abschnitten der Hirnrinde eines gestrandeten Streifendelphins (Stenella coerulioalba  Meyen, 1833) mit Amyloidablagerungen im Kleinhirn, Schläfenlappen und Frontalhirn.


Donnerstag den 16. November 2017 Herman Reichenbach per e-mail mit Hinweis auf den nachfolgenden Artikel im Nachrichtenmagazin:   DER SPIEGEL

Die Meldung beruht  wesentlich auf dem folgenden Artikel  in den Anchorage Dayly News vom 20ten Juni 2017.

Die Reporterin Susanna Caldwell beschreibt darin, wie Fischer in der Bering  See einen  Teil ihres Fanges an Schwertwale (Orcinus orca Linnaeus, 1758) verlieren, die die Fische von den Haken der Langleinen plündern. Die Fischer könnten an einem Tag zwischen 10 und 15 Tonnen Heilbutt (Hippoglossus hippoglossus Linnaeus, 1758 ) fangen, am nächsten Tag aber, wenn die Schwertwale die Boote erst einmal entdeckt hätten, ginge der Ertrag gegen Null und  bedeute einen realen Einkommensverlust. Manchmal fänden sich an den Haken dann nur noch die Lippen der Fische. Ein Fischer, der seit 1992 in der Region fischt, ist der Ansicht, dass die Anzahl der Schwertwalgruppen zugenommen hätte. Er berichtet folgendes: Im April des Jahres während einer Fangreise entlang des Kontinentalschelfs seien er und seine Crew ständig von Schwertwalen verfolgt und belästigt worden. Er habe einen Verlust von sechs Tonne Heilbutt gehabt, aber beim Versuch  den Orcas  zu entkommen 4000 Gallonen Sprit verbraucht. Ein anderes Mal hätte ihn in der Nähe der russischen Grenze  eine Gruppe von Schwertwalen über 18 Stunden in einem  Gebiet von 30 x 35 Seemeilen ständig verfolgt, obwohl die Maschine abgestellt war und das Schiff nur driftete. Nach zwei Tagen habe er aufgegeben. Ein andere Fischer, der seit 39 Jahren im Beringmeer fischt, gibt sofort auf, wenn Wale auftauchen: „It‘s gotten completely out of control!“

Erstmalig hätten japanische Fischer in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts über räuberische Orcas berichtet. Im westlichen Teil des Golfs von Alaska bis zu den Aleuten wurden 1475 Schwertwale gezählt, aber in der Bering See am Kontinentalschelf sei die Dichte größer dort, wo sich die Fischgründe für Heilbutt und den schwarzen Dorsch überlappten. Die sozial lebenden Schwertwale hätten gelernt, den vielversprechenden Geräuschen der Hydraulik und Motoren fischender Boote zu folgen, könnten einzelne Fahrzeuge unterscheiden und würden ihr Wissen an die Nachkommen weitergeben. Ein ähnliches Problem gibt es seit 2006 mit Pottwalen und der Langleinenfischerei auf den schwarzen Dorsch Anoplopoma fimbria (Pallas, 1814). Selbst das Abspielen von dröhnender Heavy Metal Musik unter Wasser sei nicht in der Lage die Pottwale zu vertreiben, auf Täuschungsversuche mit Phantom – Bojen fielen sie nicht herein.


Folgenden Veröffentlichungen im Journal of Marine Sience 2015 sind mit dem Problem befasst:

Cues, creaks, and decoys: using passive acoustic monitoring as a tool for studying sperm whale depredation

AaronThode1*,DelphineMathias1,JaniceStraley2,VictoriaO’Connell3,LindaBehnken4,DanFalvey4, Lauren Wild3, John Calambokidis5, Gregory Schorr5, Russell Andrews6, Joseph Liddle2, and Phillip Lestenkof7

und

Testing a passive deterrent on longlines to reduce sperm whale depredation in the Gulf of Alaska

Victoria O’Connell1*, Janice Straley2, Joe Liddle2, Lauren Wild1, Linda Behnken3, Dan Falvey3, and Aaron Thode

So bliebe  den Fischern, um nicht die „Schlacht“ zu verlieren, laut Buck Laukitis auch Mitglied des Fischereiverbandes keine andere Wahl, als auf alternative Fangmethoden umzustellen. Dazu müsste ihnen von der Fischereibehörde die Verwendung von Fischfallen erlaubt werden.


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